Guatemala

Gu|a|te|ma|la; -s:
Staat in Mittelamerika.

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Guatemala,
 
 
 
Fläche: 108 889 km2
 
Einwohner: (2000)11,4 Mio.
 
Hauptstadt: Guatemala
 
Amtssprache: Spanisch
 
 
Währung: 1 Quetzal (Q) = 100 Centavos (c, cts)
 
Zeitzone: 500 Guatemala = 1200 MEZ
 
amtlich spanisch Repụ́blica de Guatemạla, Staat in Zentralamerika, zwischen Mexiko, El Salvador, Honduras und Belize, Karibisches Meer und Pazifik, 108 889 km2 (etwa so groß wie Baden-Württemberg und Bayern), (2000) 11,4 Mio. Einwohner; Hauptstadt ist Guatemala, Amtssprache Spanisch. Währung: 1 Quetzal (Q) = 100 Centavos (c, cts). Zeitzone: Central Standard Time (500 Guatemala = 1200MEZ).
 
 Staat und Recht:
 
 
Die am 15. 1. 1986 in Kraft getretene Verfassung (revidiert durch Referendum vom 30. 1. 1994) bestimmt Guatemala als präsidiale Republik mit Mehrparteiensystem, garantiert die Grundrechte und die Gewaltenteilung. Staatsoberhaupt ist der auf vier Jahre direkt gewählte Präsident (Wiederwahl nicht möglich). Er übt zugleich das Amt des Regierungschefs aus und ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Nimmt der Präsident sein Vetorecht gegenüber Gesetzesvorlagen des Parlaments wahr, kann dieses sein Veto mit Zweidrittelmehrheit zurückweisen. Träger der legislativen Gewalt ist der Nationalkongress (Congreso Nacional), ein Einkammerparlament, dessen 113 Abgeordnete für eine Legislaturperiode von vier Jahren gewählt werden (Wahlrecht ab dem 18. Lebensjahr). Als Beratungs- und Schlichtungsorgan besteht der 15 Mitglieder zählende Staatsrat (Consejo de Estado).
 
Parteien:
 
Das breit gefächerte Parteienspektrum Guatemalas wird von den Rechtsparteien beherrscht. Wichtigste Parteien sind der Partido de Avanzada Nacional (PAN), der Frente Republicano Guatemalteco (FRG), der Partido Democracia Cristiana Guatemalteca (PDCG), die Unión del Centro Nacional (UCN) und der Partido Socialista Democrático (PSD). Mit dem Frente Democratico Nuevo Guatemalteco (FDNG) beteiligte sich 1995 erstmals seit vier Jahrzehnten eine Linkspartei erfolgreich an den Wahlen.
 
Im Untergrund operieren der kommunistische Partido Guatemalteco de Trabajo (PGT), die linksgerichtete Guerillaorganisation Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca (URNG) und rechtsextreme Verbände, z. B. die Escuadrón de la Muerte (EM, Todesschwadron).
 
 
Die wichtigsten Gewerkschaftsverbände sind der Frente Nacional Sindical (FNS), der mit elf Einzelverbänden rd. 95 % der Gewerkschaftsmitglieder repräsentiert, und die Unidad de Acción Sindical y Popular (UASP) mit sieben Verbänden.
 
 
Das am 12. 9. 1968 eingeführte Wappen zeigt vor je zwei gekreuzten Degen und Gewehren eine Schriftrolle mit der Inschrift »Libertad 15 de Setiembre de 1821«. Der auf der Rolle sitzende Vogel Quetzal ist das Symbol der Unabhängigkeit, weil er nur in Freiheit leben kann.
 
Nationalfeiertage:
 
15. 9., erinnert an die Erlangung der Unabhängigkeit 1821.
 
 
Guatemala ist in 22 Departamentos untergliedert, an ihrer Spitze steht jeweils ein vom Präsidenten ernannter Gouverneur.
 
 
Die Rechtsordnung ist von spanischen und französischen Einflüssen geprägt. Die Rechtsprechung liegt in höchster Instanz beim Obersten Gerichtshof, dem Kammern zum Verfassungs- und Verwaltungsrecht angehören. Nachgeordnet sind zwölf Appellationsgerichte. Die Richter des Obersten Gerichtshofs werden vom Kongress bestimmt. Dem Obersten Gerichtshof obliegt die Nominierung der Richter der nachgeordneten Gerichte.
 
 
Die Gesamtstärke der Wehrpflichtarmee (Dienstzeit 30 Monate; Rekrutierung nach dem Zufallsprinzip) beträgt 39 600, die der paramilitärischen Nationalpolizei rd. 9 500 Mann. Das Heer (37 000 Soldaten) ist hauptsächlich gegliedert in drei strategische Reservebrigaden mit je drei Infanteriebataillonen, die bataillonsstarke Präsidentengarde sowie in 23 territoriale Infanteriebataillone. Die Marine hat 1 200, die Luftwaffe 1 400 Mann. Die Ausrüstung umfasst im Wesentlichen 10 Kampfpanzer, 15 leichte Erdkampfflugzeuge sowie 10 Patrouillenboote. - Das Land verwendet etwa 14 % der Staatsausgaben für Verteidigung und innere Sicherheit. Zusätzlich erhält Guatemala eine US-Militärhilfe.
 
 Landesnatur und Bevölkerung:
 
 
Der nördliche Teil Guatemalas (Petén) gehört zur flachwelligen Kalktafel Yucatáns. Der südlichen Teil wird in West-Ostrichtung von Gebirgsketten der zentralamerikanischen Kordilleren durchzogen, von denen die nördlichen in den Altos Cuchumatanes (im Westen) 3 800 m über dem Meeresspiegel erreichen. Die südlich anschließende Sierra Madre setzt sich aus Kettengebirgen, Massenbergländern und Hochflächen zusammen, am pazifischen Abfall überragt von 33 Vulkanen (Tajumulco, 4 210 m über dem Meeresspiegel), dazwischen landschaftlich reizvolle Seen (Atitlánsee). Das schmale pazifische Küstentiefland mit vulkanischen Böden ist durch zahlreiche Flüsse und reiche Niederschläge gut bewässert. Im Osten, zwischen Belize und Honduras, hat Guatemala einen kleinen Anteil am karibischen Küstentiefland. Hauptflüsse sind Río Usumacinta (zum Golf von Mexiko) und Río Motagua (zum Karibischen Meer). Von den Vulkanen sind drei ständig aktiv; starke Erdbeben haben im Land mehrfach schwerste Zerstörungen verursacht (zuletzt 1976, mit mehr als 24 000 Todesopfern).
 
Klima und Vegetation:
 
Das Klima ist tropisch (Regenzeit von Mai bis November, im Luv der Küsten bis 3 500 mm/Jahr, im zentralen Hochland 1 500-2 000 mm; mittlere Jahrestemperaturen 25-30 ºC im Tiefland, weniger als 12 ºC in Gebirgslagen, Tagesschwankungen bis zu 25 ºC). Der Petén ist von immerfeuchtem Regenwald, im Zentrum auch von Kiefernsavannen bedeckt. Während die luvseitigen Gebirgsregionen tropischen Berg- und Nebelwald tragen, treten im trockeneren Binnenhochland Eichen-Kiefern-Mischwälder und Savannen auf. Das pazifische Küstentiefland wird von tropischem Feucht- (im Westen) und Trockenwald (im Osten) eingenommen.
 
 
Guatemala ist das einzige Land Zentralamerikas mit überwiegend indianischer Bevölkerung (1987: 45 % Indianer, v. a. Quiché, Mam, Cakchiquel und Kekchi, 45 % Mestizen - Ladinos); die Weißen machen 5 % aus, Schwarze 2 % (im karibischen Küstentiefland). Neben der spanischen Amtssprache werden insgesamt 22 indianische Sprachen beziehungsweise Mayadialekte gesprochen. Die jährliche Wachstumsrate der Bevölkerung ist mit (1985-1991) 2,9 % sehr hoch; die Geburtenrate betrug (1993) 36 ‰, die Sterberate (1993) 7,7 ‰ und die Kindersterblichkeit 48 ‰. Der Bevölkerungsschwerpunkt liegt im Hochland. Während im Norden, im Departamento Petén, auf 33 % der Fläche nur 2,6 % der Menschen leben, sind es im Departamento Guatemala allein 21 % auf 2 % der Fläche. 41 % der Einwohner leben in städtischen Siedlungen. Hauptstadt ist die einzige Millionenstadt Guatemala (1994: 1,15 Mio. Einwohner); es folgen Quetzaltenango (101 000), Escuintla (68 000), Mazatenango (42 300), Puerto Barrios (31 200), Retalhuleu (38 900) und Chiquimula (32 100).
 
 
Die Religionsfreiheit ist gesetzlich geschützt. Über 95 % der Bevölkerung sind Christen. Rd. 70 % gehören der katholischen Kirche als der größten Glaubensgemeinschaft an. Etwa zwei Drittel der rd. 25 % protestantischen Christen sind Mitglieder von Pfingstkirchen. Das innerhalb Lateinamerikas einzigartige Wachstum protestantischer Kirchen und Gemeinschaften seit Anfang der 1950er-Jahre geht auf die von nordamerikanischen evangelikalen Missionen initiierte charismatische Bewegung zurück. - Die vorchristliche Mayareligion hat sich bis heute im geringen Umfang (zum Teil wieder belebt) unter den Indianern erhalten; in größerem Umfang haben diese jedoch Elemente von ihr mit der katholischen Glaubenspraxis verbunden. Weiterhin besteht eine religiöse Minderheit der Bahais.
 
 
Im Prinzip besteht Schulpflicht (schulgeldfrei) vom 7. bis 14. Lebensjahr, deren Durchsetzung sich praktisch jedoch nur auf die städtischen Bereiche beschränkt. Die Einschulungsrate in ganz Guatemala beträgt etwa 79 %; Unterrichtssprache ist Spanisch. An die Primarschule schließen zwei dreijährige Sekundarschulzyklen an (allgemein bildender und berufsorientierter beziehungsweise akademisch spezialisierter Ausbildungsgang). Die Analphabetenquote beträgt 33,4 %. In der Hauptstadt Guatemala befinden sich zwei staatliche und drei private Universitäten sowie zwei wissenschaftliche Akademien.
 
 
Presse: Laut Verfassung sind Meinungs- und Pressefreiheit garantiert. In der Hauptstadt erscheinen u. a. die Staatszeitung »Diario de Centroamérica«, die nationalkonservative »La Hora« und der sozialdemokratischen »El Gráfico«; die höchste Auflage erreicht das liberale Abendblatt »Prensa Libre«. - Nachrichtenagentur: »Inforpress Centroamericana«. - Rundfunk: Radio- und Fernsehstationen müssen bei der staatlichen Dirección General de Radiodifusión y Televisión Nacional registriert sein. Die staatliche Rundfunkverwaltung betreibt vorwiegend Erziehungsprogramme. In der Hauptstadt und in allen größeren Orten verbreiten insgesamt fast 100 kommerzielle Rundfunkstationen örtliche oder regionale Hörfunkprogramme. Die staatliche Fernsehgesellschaft »Televisión Cultural Educativa« verbreitet ein Kultur- und Bildungsprogramm, die beiden privaten Fernsehgesellschaften »Televisiete S. A.« und »Radio-Televisión Guatemala S. A.« senden landesweit, »Tele Once« und »Trecevisión« versorgen die Hauptstadt und einzelne städtische Ballungsgebiete.
 
 Wirtschaft und Verkehr:
 
 
Guatemala ist das industriell am weitesten entwickelte Land Zentralamerikas, obwohl auch hier der Agrarbereich dominiert. 1994 betrug der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) 25 %, derjenige der Industrie 19 %. Mit einem Bruttosozialprodukt (BSP) je Einwohner von (1994) 1 190 US-$ gehört Guatemala zu den Entwicklungsländern mit mittlerem Einkommen. Die geschätzte Arbeitslosigkeit lag 1993 bei 13 %, die Inflation bei 12 %. Die Auslandsschulden beliefen sich im selben Jahr auf 2,96 Mrd. US-$, Tilgung und Zinsen machten 14,7 % aller Exporterlöse aus. Seit 1992 erhält Guatemala wieder Unterstützung des IWF; die Strukturanpassungsmaßnahmen forderten 1994 den Protest der städtischen Bevölkerung heraus, die zu einem großen Teil vom informellen Sektor (Schattenwirtschaft) lebt.
 
 
Im nach wie vor bedeutendsten Sektor erwirtschafteten 58 % der Erwerbstätigen 25 % des BIP und 2/3 aller Exporte. Der Anbauschwerpunkt liegt im zentralen Hochland. Kaffee ist wertmäßig mit 23 % das wichtigste Ausfuhrprodukt Guatemalas (1992: 205 000 t), gefolgt von Zucker (11 %), Bananen, Tabak, Kardamom und Baumwolle. Der Anbau von Reis, Mais, Bohnen, Tomaten und Kartoffeln dient v. a. der Eigenversorgung. Am pazifischen Küstensaum herrscht Rinderzucht vor. Die Produktion von Grundnahrungsmitteln erfolgt überwiegend in kleinbäuerlichen Betrieben der indianischen Bevölkerung Für den Export produzieren dagegen die zum Teil ausländischen Großbetriebe (4 % kontrollieren 65 % der Betriebsfläche).
 
 
Die Waldfläche Guatemalas umfasst mit 3,6 Mio. ha etwa ein Drittel des Landes, aber nur ein geringer Teil wird forstwirtschaftlich genutzt (90 % als Brennholz). Im Petén werden v. a. Chinarinde, Chicle, Kautschuk und Farbstoffe gewonnen.
 
 
In Zusammenarbeit mit Peru wird eine Hochseeflotte aufgebaut. Hauptexportgut sind Garnelen.
 
 
Trotz großer Rohstoffvorkommen ist der Sektor nur gering entwickelt. Gefördert werden Eisen-, Kupfer-, Blei-, Zink-, Antimon-, Wolfram- und Nickelerze in kleinen Mengen. Die Erwartungen in die Erdölförderung haben sich nicht erfüllt (1993: 2,5 Mio. Barrel).
 
 
Seit 1987 ist der Industriebereich um etwa 3 % jährlich gewachsen. Er machte (1994) 19 % des BIP aus und beschäftigt etwa 14 % der Erwerbstätigen. Schwierigkeiten bereitet v. a. die Energieversorgung. Es dominieren die Nahrungsmittel-, Getränke- und Tabakindustrie mit etwa 50 % des Produktionswertes. Die Textil- und Lederindustrie umfasst ein Fünftel der Produktion, darunter viele Lohnveredlungsbetriebe. Weniger bedeutend sind die Herstellung von Metallprodukten und Kunststoffwaren. Die weit überwiegende Zahl der Betriebe befindet sich in der Hauptstadt.
 
 
Mit (1993) 265 Mio. US-$ ist der Tourismus der wichtigste Devisenbringer des Landes; 1993 besuchten 562 000 Touristen die landschaftlich und kulturell attraktiven Bergregionen und die zahlreichen Maya-Kultstätten. Durch die nicht asphaltierte Ruta Maya (Mayastraße) soll Guatemala an die klassischen Ruinenstätten der Nachbarländer angeschlossen werden.
 
 
Die Handelsbilanz ist seit 1979 fast immer negativ; ihr Defizit betrug 1993 1,0 Mrd. US-$. Etwa zwei Drittel aller Exporte sind traditionelle Agrargüter, v. a. Kaffee (23 %), Zucker (11 %), Bananen, Fleisch und Kardamom. Industriegüter werden überwiegend in den zentralamerikanischen Markt, zu dem auch Guatemala gehört, ausgeführt. Haupthandelspartner sind die USA (40 % des Handelsvolumens), Mexiko, Venezuela, die Länder des zentralamerikanischen Marktes (v. a. El Salvador, Costa Rica, Nicaragua) sowie Deutschland und Japan.
 
Verkehr:
 
Das Straßennetz ist nur unzureichend ausgebaut; 10 % der rd. 20 000 km sind asphaltiert. Die Carretera Interamericana führt von der mexikanischen Grenze über die Stadt Guatemala nach El Salvador; die Carretera Costera verläuft parallel dazu an der Pazifikküste. Eine Querverbindung zwischen beiden Küsten führt von Puerto Barrios nach San José. Zwei Eisenbahnlinien gehen von der Hauptstadt zur mexikanischen Grenze und zur Karibik (insgesamt 782 km). Wichtigster Exporthafen (ehemalig Puerto Barrios) ist jetzt Santo Tomás de Castilla (zentralamerikanischer Freihafen) an der Karibikküste, wichtigster Importhafen (ehemalig San José) ist Puerto Quetzal am Pazifik. Zum karibischen Erdölhafen Livingstone führt eine Pipeline; Champerico gilt als der wichtigste Fischereihafen Guatemalas. Der internationale Flughafen »La Aurora« liegt in der Nähe der Hauptstadt.
 
 
Zur vorkolumbischen Geschichte Maya. - Das Gebiet von Guatemala, bewohnt von den Mayastämmen der Quiché und Cakchiquel, wurde 1524 von Mexiko aus durch P. de Alvarado unterworfen. Während der spanischen Herrschaft bildete Guatemala ein eigenes Generalkapitanat, das ganz Zentralamerika, außer Panama, umfasste. Wichtigstes Exportprodukt war der Farbstoff Indigo.
 
Das Generalkapitanat Guatemala schloss sich 1821 dem unabhängigen Kaiserreich Mexiko an. Nach dem Sturz Kaiser Augustins I. (Itúrbide, Agustín de) 1823 fielen die zentralamerikanischen Länder von Mexiko ab und wurden als »Vereinigte Staaten von Zentralamerika« (»Zentralamerikanische Konföderation«) selbstständig. Guatemala bildete den Mittelpunkt der konservativen Partei, unterlag aber 1829 dem liberalen Führer F. Morazán. 1839 führte J. R. Carrera, der die Liberalen 1838 von der Macht verdrängt hatte, gewaltsam die Auflösung der Konföderation herbei und gründete die Republik Guatemala, die er als Staatspräsident (1844-48, 1851-65) mit diktatorischer Gewalt regierte. Mit Carrera begann die bis 1944 andauernde Epoche der autoritären Caudillos in Guatemala. Gestützt auf Armee und katholische Kirche schuf er rücksichtslos Ordnung im Innern. Außenpolitisch vertrat er Hegemonialansprüche gegenüber den anderen zentralamerikanischen Staaten und setzte nach erfolgreichem Krieg gegen El Salvador und Honduras dort ihm ergebene Präsidenten ein. 1871 gelangten die Liberalen durch eine Revolution an die Macht. J. R. Barrios wurde Präsident (1873-85). Er vertrieb die Jesuiten, säkularisierte Klöster, verstaatlichte Schulen, führte einen Zwangsarbeitsdienst ein und setzte außenpolitisch die Linie der Konservativen fort. Barrios fiel am 2. 4. 1885 im Krieg gegen die zentralamerikanischen Nachbarstaaten. Sein Neffe J. M. Reína Barrios (Präsident 1892-98) schloss 1897 Guatemala einem erneuten kurzlebigen zentralamerikanischen Bund an. Nach Reína Barrios' Ermordung regierte M. Estrada Cabrera (1898-1920) das Land; er sorgte für den Ausgleich der Staatsfinanzen, umgab sich mit deutschen Beratern und lehnte sich außenpolitisch an die USA an. 1906 öffnete er der United Fruit Company (UFCO) das Land.
 
Den Folgen der Weltwirtschaftskrise versuchte Präsident J. Ubico (1931-44) u. a. durch verstärkten Export von Kaffee und Baumwolle und durch Niederschlagung der sozialen Unruhen zu begegnen. Nach seinem Sturz wurde mit der Verabschiedung einer demokratischen Verfassung und der Wahl J. J. Arévalos (1945-51) zum Präsidenten eine Reformperiode eingeleitet, die J. Arbenz Guzmán (1951-54) fortsetzte (Enteignung in- und ausländischer Großgrundbesitzer, von der besonders die UFCO betroffen war; Anhebung des Mindestlohns). 1954 unterstützten die USA den Putsch von C. Castillo Armas, der als Präsident (1954-57) u. a. Parteien und Gewerkschaften verbot und die alten Besitzverhältnisse wieder herstellte. Nachdem die Militärs die wichtigsten Träger der politischen Macht geworden waren, besetzten sie einen großen Teil der Kabinetts-, Gouverneurs- und hohen Verwaltungsposten. Die Präsidialverfassung von 1965 ermöglichte zwar den Übergang zu einer Zivilregierung unter J. C. Méndez Montenegro (1966-70), doch folgten ihm durch Wahlen (mit zum Teil gefälschten Ergebnissen) die Militärs C. Araña Osorio (1970-74), K. Laugerud García (1974-78) und R. Lucas García (1978-82). V. a. in den traditionellen Siedlungsgebieten der Indios in den nördlichen Departamentos fanden seit Mitte der 70er-Jahre bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen zwischen der Armee und paramilitärischen Gruppen einerseits und den Guerillabewegungen der Indios andererseits statt. Gegen die Junta von E. Ríos Montt (1982/83), die u. a. die Verfassung außer Kraft setzte, Parteien auflöste und wiederholt Unruhen blutig niederschlug, putschte sein Verteidigungsminister O. H. Mejía Victores (1983-85), dessen Regierungssystem eine neue Eskalation der Gewalt hervorrief. Im November 1985 erhielt der PDCG die Mehrheit bei den Kommunal-, Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, das Amt des Präsidenten übernahm im Januar 1986 der Zivilist M. V. Cerezo Arévalo. Kurz zuvor hatte die Militärregierung eine Generalamnestie verkündet; auch unter der Zivilregierung nahm die Armee eine Schlüsselstellung ein (Putschversuche 1988 und 1989). Im August 1988 gab es erste Kontakte zwischen der Regierung und der Dachorganisation der Guerilla (URNG), doch wurden die Verhandlungen immer wieder unterbrochen (u. a. weil die URNG sich weigerte, die Waffen niederzulegen). Nachdem im Januar 1991 der konservative J. Serrano Elias die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte, wurden die Friedensgespräche wieder aufgenommen, nun unter Aufsicht der UNO. Dennoch wuchsen die innenpolitischen Spannungen, v. a. durch die Gewalttaten der Todesschwadronen gegen die indianische Bevölkerungsmehrheit. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Indianerin Rigoberta Menchú 1992 lenkte die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf die Probleme des Landes. Vor diesem Hintergrund setzte der Präsident am 25. 5. 1993 die Verfassung zum Teil außer Kraft, löste das Parlament und die obersten Justizbehörden auf und ordnete die Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung an. Dieser anfänglich vom Militär unterstützte Staatsstreich scheiterte jedoch am breiten gesellschaftlichen Widerstand. Nach der Absetzung Serrano Elias' auf Druck des Militärs am 1. 6. und heftigen Protesten gegen den von der Armee unterstützten Nachfolger wählte das Parlament am 5. 6. den bisherigen Menschenrechtsbeauftragten R. de León Carpio zum Präsidenten Seine Kampagne gegen Korruption in staatlichen Institutionen führte zum Konflikt mit dem Parlament und dem Obersten Gerichtshof, der durch eine Verfassungsreform beigelegt wurde (am 30. 1. 1994 durch Referendum gebilligt). Die dadurch notwendig gewordenen vorzeitigen Wahlen im August 1994 für ein Interimsparlament gewannen die Rechtsparteien. Trotz Rückschlägen gab es 1994/95 Gespräche und Vereinbarungen zwischen Regierung und URNG. Die Guerillaorganisation rief erstmals ihre Anhänger auf, sich an den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im November 1995 zu beteiligen. Die Stichwahl am 7. 1. 1996 gewann E. A. Arzú Irigoyen (PAN). Nach der Verkündung einer unbefristeten Waffenruhe zwischen URNG und Armee im März 1996 wurde im Dezember 1996 ein Friedensabkommen unterzeichnet, das den jahrzehntelangen Bürgerkrieg, der etwa 200 000 Opfer gefordert hatte, beendete. Die Präsidentschaftswahlen im Dezember 1999 gewann A. Portillo von der christlich-konservativen Partei FRG (Amtsantritt Januar 2000). Seine wichtigsten Aufgaben sind die Überwindung der schweren Wirtschaftskrise und die Fortführung der inneren Befriedung des Landes, zu der die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen und die Teilhabe der indianischen Bevölkerung am gesellschaftlichen und politischen Leben gehören.
 
Guatemala strebt eine engere Zusammenarbeit mit den anderen zentralamerikanischen Staaten an. Die Gebietsansprüche an das benachbarte Belize werden aufrechterhalten, obwohl sie nicht mehr in der Verfassung verankert sind und zwischen den beiden Staaten seit 1993 diplomatische Beziehungen bestehen.
 
 
A. Batres Jauregui: La América Central ante la historia, 3 Bde. (Guatemala 1915-49);
 L. Cardoza y Aragón: La Revolución guatemalteca (Mexiko 1955);
 M. MacLeod: Spanish Central America: A socioeconomic history, 1520-1720 (Berkeley, Calif., 1973);
 A. Guerra-Borges: Compendio de geografía económica y humana de G., 2 Bde. (ebd. 1981);
 M. L. Wortman: Government and society in Central America, 1680-1840 (New York 1982);
 E. H. Galeano: G. Un pueblo en lucha (Madrid 1983);
 P. Calvert: G. A nation in turmoil (Boulder, Col., 1985);
 H. Pérez Brignoli: Breve historia de Centroamérica (Madrid 1985);
 
Krisengebiet Mittelamerika. Interne Probleme, weltpolit. Konflikte, hg. v. H. Nuhn (1985);
 T. P. Anderson: Politics in Central America. G., El Salvador, Honduras, and Nicaragua (Neuausg. New York 1988);
 G. A. Fauriol u. E. Loser: G.'s political puzzle (New Brunswick, N. J., 1988);
 L. Gabriel: Aufstand der Kulturen. Konfliktregion Zentralamerika: G., El Salvador, Nicaragua (Neuausg. 1988);
 W. Dietrich: Die Bemühungen um den Frieden in Zentralamerika 1983-89 (1990);
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 R. H. Trudeau: Guatemalan politics. The popular struggle for democrracy (Boulder, Col., 1993);
 
Politik u. Gesch. in Argentinien u. G. (19./20. Jh.), hg. v. M. Riekenberg (1994);
 
G. - Ende ohne Aufbruch, Aufbruch ohne Ende?Aktuelle Beitrr. zu Gesellschaftspolitik, Wirtschaft u. Kultur, hg. v. F. Birk (1995);
 B. Honner: G.-Hb. Der komplette Reiseführer für individuelles Reisen u. Entdecken (31995).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Lateinamerika: Oligarchien und Militärdiktaturen ab 1929
 

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Gu|a|te|ma|la; -s: Staat in Mittelamerika.

Universal-Lexikon. 2012.

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